Profil
Die Sophiensaele sind die älteste kontinuierlich arbeitende Produktions- und Spielstätte für frei produzierte Theater- und Tanzprojekte in Berlin. Sie wurden 1996 von Sasha Waltz, Jochen Sandig, Jo Fabian und Lubricat als Produktions- und Aufführungsort gegründet. Die Idee, im historischen Gemäuer des Handwerkervereinshauses in der Sophienstraße einen neuen Spielort ins Leben zu rufen, entsprang dem Wunsch, Produktion und Präsentation an einem Ort zu vereinen und so den KünstlerInnen optimale Arbeitsbedingungen zu verschaffen. Die Eröffnungsproduktion „Allee der Kosmonauten“ von Sasha Walz & Guests wurde zum Theatertreffen 1997 eingeladen und hat den neu gegründeten Sophiensaelen schnell viel Aufmerksamkeit verschafft.
Heute sind die Sophiensaele einer der wichtigsten Produktionsorte für freies Theater und Tanz im deutschsprachigen Raum. KünstlerInnen und Kompanien aus der Berliner und deutschsprachigen sowie zunehmend aus der internationalen Szene werden aufgrund ihrer künstlerischen Konzepte, Fragestellungen und Arbeitsansätze eingeladen, ihre Arbeiten hier zu präsentieren.
Pro Jahr sind in den Sophiensaelen über 60 Produktionen und mehrere Festivals zu sehen. Das Programm umfasst neue und experimentelle Produktionen aus den Bereichen Theater, Tanz, Performance, Musik und Bildende Kunst.
Die Sophiensaele stellen dabei nicht nur die Spielstätte, sondern kümmern sich auch um Finanzierung, Koproduktionspartner, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Produktionsmanagement bis hin zur Durchführung des Publikumsgesprächs.
Die Sophiensaele sind Teil eines informellen Netzwerks institutionalisierter und international orientierter freier Theaterhäuser, zu dem u.a. auch Kampnagel Hamburg, Mousonturm Frankfurt/Main, Forum Freies Theater Düsseldorf, Theaterhaus Gessnerallee Zürich, brut Wien und Gasthuis Amsterdam zählen.
Das künstlerische Konzept der Sophiensaele
In der wechselhaften Geschichte des 1905 erbauten Handwerkervereinshauses reichten sich Arbeit, Freizeit, politische Debatte und Lernen immer wieder die Hände. Heute knüpfen wir mit unserer kulturellen Arbeit direkt an diese Tradition an: Arbeit und Präsentation, Konzeption und Diskussion, Aneignung und Austausch liegen hier so eng zusammen wie an kaum einem anderen Ort in Berlin.
Die Sophiensaele präsentieren spartenübergreifend Arbeiten an der Schnittstelle von Theater, Tanz, Performance, aber auch Musik und Bildender Kunst. Die Komplexität der künstlerischen Fragestellungen gibt die Form vor und erfordert interdisziplinäres Arbeiten mit internationalen KünstlerInnenteams, die von den großen Theaterinstitutionen mangels flexibler Strukturen nicht realisiert werden können.
An den Sophiensaelen wird der Theaterbegriff entsprechend weit gefasst. Klassische Theaterformate sind ebenso zu erleben wie Installationen, Debatten, Konzerte und viele interaktive und ortspezifische Projekte, die von der Sophienstraße aus den Stadtraum erobern. Die entscheidenden Impulse entstehen stets gemeinsam mit den KünstlerInnen. Ihre Auseinandersetzungen mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen prägen den Spielplan der Sophiensaele.
In den Sophiensaelen wird aus der Tradition der Säle heraus gespielt. Wir möchten KünstlerInnen und Publikum für das historische Erbe dieses Ortes sensibilisieren. Gerade in der ‚freien Szene’ dominiert meist die Jagd nach Innovationen über historischem Bewusstsein. Eine gesellschaftlich wirksame künstlerische Arbeit ist aber nur in Kenntnis der eigenen historischen Position und damit der gesellschaftlichen Beschränkungen und Zuschreibungen möglich.
Die Sophiensaele sind ein Haus für KünstlerInnen und Publikum, in dem die Begegnung zwischen beiden im Mittelpunkt steht. Für diese Begegnung anregende und angemessene Situationen und Räume zu schaffen, ist unsere Aufgabe.
Produktions- und Präsentationsort
Die Sophiensaele definieren den Produktionsbegriff so umfassend wie kein anderes freies Theater in Deutschland. Neue Projekte werden begleitet von der Idee bis zur Realisierung. Wie es sonst eher beim Film üblich ist, kümmert sich das Haus um Finanzierung, Partner, Marketing, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und um internationale Kontakte für jedes einzelne Projekt. Dafür wurde ein flexibles System der Produktionsbetreuung geschaffen. Die Gruppen bringen im Falle der Förderung ihre eigenen Etats mit und treten als eigenständige ‚Unternehmen’ auf.
In dem engen Zusammenspiel und dem Vertrauen zwischen den KünstlerInnen und MitarbeiterInnen des Hauses besteht die Besonderheit und Stärke dieser Institution. Wir stellen geschützte Produktionsräume bereit, in denen KünstlerInnen jenseits von Konkurrenzdruck und Festivalhektik arbeiten und mit ihrem Publikum zusammentreffen können.
Artists-in-Residence
Jenseits von raschen Verwertungsprozessen arbeiten die Sophiensaele mit einem Stamm von KünstlerInnen zusammen, der kontinuierlich ausgebaut wird. Darunter befinden sich so unterschiedliche Positionen wie die von Christian von Borries, Two Fish, Thorsten Lensing & Jan Hein, Ulf Otto, Novoflot, Christoph Winkler, Laurent Chétouane sowie von internationalen KünstlerInnen wie Lotte van der Berg, Lone Twin, Edit Kaldor, David Weber-Krebs u.v.a. Für alle Projekte werden jeweils individuelle Lösungen für die Zusammenarbeit vor Ort entwickelt. Ein klares Bekenntnis zu den assoziierten KünstlerInnen und das Wissen um die Prozesshaftigkeit jeder künstlerischen Arbeit ist zentrale Grundlage der Arbeit der Sophiensaele.
Interdisziplinäre Projekte
An den Sophiensaelen ist das interdisziplinäre und Genre übergreifende Arbeiten durch den täglichen Austausch der hier arbeitenden KünstlerInnen bereits angelegt. Die Sophiensaele bieten ihrem Publikum und ihren KünstlerInnen die Möglichkeit, sich mit sehr verschiedenen Herangehensweisen an Kunst zu konfrontieren und aus diesen Konfrontationen eigene Verbindungslinien und Fragen zu gewinnen. Wir ermutigen KünstlerInnen gezielt dazu, sich mit ihnen fremden Präsentationsformen auseinanderzusetzen, etwa Brücken zu schlagen zwischen Konzert und Theateraufführung, zwischen Bildender und Darstellender Kunst. Ein Genre und Formen übergreifendes Bewusstsein ist entscheidend für eine künstlerische Arbeit, die die eigenen Begrenzungen zu transzendieren im Stande ist.
Festivals
Die „Tanztage Berlin" sind seit 2001 fester Bestandteil des Sophiensaele-Programms. Sie haben sich zur wichtigsten Plattform für junge Berliner ChoreografInnen entwickelt. „Freischwimmer - Plattform für junges Theater" wurde ins Leben gerufen, um ein vergleichbares Format mit überregionaler Ausstrahlung auch für junge TheatermacherInnen zu ermöglichen. Das Festival startet in Berlin und tourt dann mit sechs für das Festival kommissionierten Produktionen durch vier der wichtigsten Produktionszentren des deutschsprachigen Raums: Forum Freies Theater Düsseldorf, Kampnagel Hamburg, Theaterhaus Gessnerallee Zürich und brut Wien.
„100° Berlin - Das lange Wochenende des Freien Theaters" wird seit Januar 2004 gemeinsam mit dem Hebbel am Ufer veranstaltet. Im Jahr 2007 kam der Theaterdiscounter als dritte Spielstätte hinzu. Einmal im Jahr werden die Häuser für alle freien TheatermacherInnen der Stadt geöffnet. Jahrmarkt, Messe, Spektakel – „100° Berlin“ ist ein Fest für die freie Szene und eine Plattform, die aktuellen Arbeitsbedingungen freier Produktion zu reflektieren - Grund für viele KollegInnen aus anderen Städten nach Berlin zu fahren, um sich einen Überblick über die Berliner Szene zu verschaffen.
Darüber hinaus sind die Sophiensaele regelmäßig Veranstaltungspartner und Spielort für so renommierte Festivals wie „Tanz im August", „Theatertreffen", „Spielzeit Europa" und „Ultraschall - Festival für Neue Musik".
Musik
Musik spielte von Anfang an eine wichtige Rolle an den Sophiensaelen, nicht zuletzt aufgrund der hervorragenden Akustik des Festsaals für Konzerte aller Art. Die sehr lebendige zeitgenössische Musik- und Musiktheaterszene Berlins prägt auch weiterhin das Programm wesentlich mit. So finden zusätzlich zu der Zusammenarbeit mit Festivals wie „MaerzMusik“ und „UltraSchall“ oder FreundInnen guter Musik eine Reihe von Konzertformaten statt, in denen wir die Schnittstellen von Konzert, Performance und Theater ausloten und gleichzeitig die vielfältigen möglichen Formen sozialer Interaktion in den Sophiensaelen erproben.
Virchowsaal
Der direkte Kontakt zwischen Publikum, KünstlerInnen und Personen des kulturellen und politischen Lebens in Gesprächen und Debatten ist uns ebenso wichtig wie die Aufführungspraxis selbst. An den Sophiensaelen finden regelmäßig Gesprächsveranstaltungen und kleinformatige Präsentationen statt, die einen unmittelbareren Austausch ermöglichen. In der Gesprächsreihe „Spielstand“, die gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung realisiert wird, werden gesellschaftspolitische Themen mit KünstlerInnen und KulturwissenschaftlerInnen diskutiert. Der „Kooksalon“ zielt auf den Dialog zwischen Literatur und Musik. “Sinnvoll und sinnlich werden hier Text und Klang verwoben” (Berliner Zeitung).
Im Virchowsaal, dem kleinsten und gleichzeitig öffentlichsten und am leichtesten zugänglichen der drei Säle, finden überwiegend kleinformatige Veranstaltungen wie szenische Lesungen, diskursive Veranstaltungsreihen und Work-in-Progress-Präsentationen ihr Publikum.